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Kategorie: Europe

35 Jahre danach – Meine Bilder aus der Sperrzone von Tschernobyl

 
Während die Welt noch immer fest in den Händen der Covid-19-Pandemie liegt, jährt sich am 26. April zum 35. Mal eine weitere Katastrophe. Der Unfall von Tschernobyl hat nicht nur das Leben der Menschen in der Sperrzone von Tschernobyl für immer auf grausame Weise verändert, sondern auch das Leben in ganz Europa war nicht mehr dasselbe. Nicht nur, dass eine riesige radioaktive Wolke in weiten Teilen Europas bis heute Salat, wilde Tiere, Milch und Pilze kontaminierte, sondern es zeigte uns allen auf, wie gefährlich Atomkraft ist und dass wir dringend Alternativen brauchen.

Tagesschau vom 29.04.1986

35 Jahre sind nichts!

35 Jahre… das klingt wie eine Ewigkeit. Aber was sind 35 Jahre, wenn das Gebiet für die nächsten 24.400 Jahre unbewohnbar bleiben wird ?! Was sind 35 Jahre, wenn Menschen heute noch an den Folgen der Katastrophe sterben? Es ist bis heute nicht möglich, die genaue Anzahl der Opfer, die infolge dieses Unglücks gestorben sind, zu bestimmen. Verschiedene Organisationen sprechen von 4.000 bis 60.000 Toten. 

Ein Ferkel mit Dipygus ausgestellt im Ukrainian National Chernobyl Museum

By Vincent de Groot – http://www.videgro.net – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8468939

Zahlen der Opfer der verschiedenen Organisationen. 
Quelle

Mir ist es wichtig, all diese Auswirkungen zu erwähnen, bevor ich euch von meinen persönlichen Erfahrungen erzähle, da sich das Bewusstsein für die Katastrophe und das Gebiet etwas in die falsche Richtung entwickelt hat, was auch dem Hype um die TV-Serie und der Selbstdarstellung vieler Touristen geschuldet ist.
Klar, die Sperrzone ist sicherlich sehr spannend, aber am Ende bleibt und ist sie auch ein Mahnmal, auf dessen Grund man sich auch entsprechend verhalten sollte, um den Opfern und deren Hinterlassenschaften Respekt zu zollen.

Das Denkmal direkt vor dem Sarkophag von Reaktor 4

Wo es begann und wo es hoffentlich endet

Mein Interesse an der Katastrophe begann schon lange bevor ich zur Fotografie kam.
Denn im Allgemeinen hatte ich schon immer eine bizarre Vorliebe für bedeutungsschwangere und postapokalyptische Orte, vor allem in Kombination mit tragischen Ereignissen.

Beim Super-Gau von 1986 spielte nicht nur die Katastrophe ab sich für mich eine Rolle: auch die Verkettung von Ereignissen die dazu führten, sowie die Reaktion sowjetische Systems, fesselten mich an diese dunkle Episode der Menschheit.

Darüber hinaus gibt es natürlich meine grundsätzliche Leidenschaft für verlassene Orte und die Hinterlassenschaften der UDSSR. All diese Verknüpfungen führten zu einer wirklich tiefen Verbindung zu diesem Gebiet. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich eines Tages die Sperrzone besuchen würde.
Im Jahre 2016 war es dann endlich das erste Mal so weit- und seitdem bin ich der Faszination verfallen.

Im Laufe der Zeit erlebte ich dort einige unvergessliche Momente, traf wundervolle Menschen und genoss die Zeit und die Ruhe. Ich hoffe, dass ich noch weitere Besuche dort erleben kann, um jede Ecke der ukrainischen und belarussischen Sperrzone in Bildern festzuhalten.

Ein Traum von mir ist es eines Tages ein Buch über die Tschernobyl Sperrzone veröffentlichen, um das gesamte Spektrum meiner Fotografien zu zeigen und den Menschen zugänglich zu machen. Auch weil niemand weiß, wie lange es noch möglich sein wird, die Orte in diesem Zustand zu zeigen. Die Substanz der Gebäude hat in den letzten Jahren erheblich abgenommen und mehrere Waldbrände zerstörten bereits einzigartige Dörfer und Orte.

Es ist leider nur eine Frage der Zeit, bis nichts mehr zu sehen sein wird oder ein ungefilterter Blick auf diesen Ort nicht mehr möglich ist.

Wenn jemand also daran interessiert ist, mich dabei zu unterstützen oder es gar veröffentlichen möchte, steht mein E-Mail Postfach immer weit offen.
Mail me
So, nun aber genug der Einleitung: kommt mit mir auf eine kleine Exkursion durch die Sperrzone!

Startpunkt: Das Ortsschild von Pripyat

Während man bei uns in Westeuropa einfach ein Ortsschild oder vielleicht eine Gedenktafel am Eingang der Stadt anbringt, haben die Sowjetstaaten echte Kunstwerke geschaffen und gebaut: man konnte sie immer dann bestaunen, wenn man einen Ortseingang passierte. Ich weiß nicht, ob das dort heute auch noch üblich ist, aber ich persönlich finde es großartig.

Leider wurde das Zeichen von Pripyat in letzter Zeit immer wieder von hirnlosen Menschen verschmiert. Glücklicherweise war es dank einiger engagierterer Leute möglich, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen.

Station 1: Café Pripyat & Marina River Station

Das Café Pripyat war einst bekannt für das leckerste Eis der Stadt. An schönen und sonnigen Tagen war es bis zum letzten Platz immer gut besucht.
Ich bin mir nicht sicher, ob es hier abends noch Geschäftsbetrieb gab, aber die kunstvolle Glasfassade hat mich auch nachts sehr beeindruckt.

Direkt dahinter befindet sich die Hafensation inklusive Landungssteg. Im Sommer tummelten sich hier die Massen, stiegen in ihr Boot oder genossen ihr leckeres Eis.

Station 2: Pripyat Ausflugsboot 

Dieses Schiff legte einmal regelmäßig an der Marina River Station an, die sich hinter dem Café Pripyat befindet. Es transportierte die Bewohner von Pripayt auf dem gleichnamigen Fluss. Heute sinkt das zweistöckige Schiff langsam aber sicher, nur wenige hundert Meter vom ehemaligen Steg entfernt.

Station 3: Krankenhaus No.126 

Dies ist das Krankenhaus, in das die ersten Feuerwehrleute nach der Bekämpfung der Brände, die mit der Reaktorkatastrophe einhergingen, gebracht und dort behandelt wurden. Die kontaminierten Uniformen wurden unmittelbar nach der Ankunft dieser Unternehmen in den Keller gebracht, um eine weitere Kontamination zu verhindern – und sie sind noch heute dort. Es ist jedoch ratsam, den Keller nicht zu betreten, da er immer noch einer der am stärksten kontaminierten Orte in ganz Pripyat ist! 

Station 4: Die Entbindungsstation

Pripyat war eine sehr große Stadt mit einer hohen Kinderdichte, die von den Verantwortlichen bereits bei der Planung der Stadt berücksichtigt und mit einkalkuliert wurde. Neben den 5 Schulen und 15 Kindergärten gibt es im Krankenhaus No. 126 sogar eine große Entbindungsstation. Interessanterweise befanden sich im Hauptgebäude des Krankenhauses auch einige Räume mit Säuglingsbetten, so das ich mir nicht mehr sicher bin was zu welcher Station gehörte. Seht es mir nach, falls ich hier was vermischt habe.

Zwischenstopp: Musik in der Sperrone

In der Vergangenheit (und natürlich auch heute noch) war das Musizieren in der Sowjetunion ein hohes kulturelles Gut, das mehrere berühmte Komponisten hervorbrachte.
So kam es, dass viele Haushalte und Institutionen immer auch ein Klavier besaßen.

Pripyat hatte beispielsweise auch eine eigene Musikschule mit Auditorium:

Station 5: Der Freizeitpark

Der berühmten Vergnügungspark, der am 30. April 1986, vier Tage nach dem Unfall, eröffnet werden sollte. Neben dem weltbekannten Riesenrad und dem Auto Scooter befindet sich dort noch eine Schiffschaukel, mit wundervollen Holzschiffchen, und ein Karussell.

Station 6: Kultur -und Sportpalast Energetik

Werfen wir einen Blick auf den Energetik-Palast für Kultur und Sport, der sich direkt am Hauptplatz von Pripyat befindet, dort wo sich Lenin Allee und Kurchatova-Straße treffen. Das Wort Energetik war als Wortspiel gedacht und sollte für Energie durch Kultur und Leben und Sport stehen, sowie auch für die Kernenergie

Die Turnhalle des Energetik Kulturpalastes war zwar nur die zweitgrößte in der Stadt, aber dafür die belebteste. Auch hier erobert sich die Natur stetig ihren Platz zurück und aus dem Parkett sprießen die Bäume hervor.

Station 7: Der Hauptplatz

Wir verlassen den Kulturpalast Energetik und stehen schon direkt im Zentrum von Pripyat. Wenn wir gerade schon hier sind, sehen wir uns doch mal ein wenig um:

Hotel “Polissya”

Gerade aus seht ihr das Hotel “Polissya”: es spielte nach dem Unglück eine wichtige Rolle für Liquidatoren und Arbeiter. Das Hotel diente nicht nur als Unterkunft, sondern auch die “Spotter”, welche die Hubschrauberflüge über dem Reaktor koordinierten, bezogen auf dem Dach Stellung. Heute ist das Gebäude stark einsturzgefährdet.

Hier einige weitere Eindrücke rund um den Hauptplatz:

“Nutze das Atom als Arbeiter, nicht als Krieger”

Ich denke der Spruch, der hier in kyrillischen Lettern über dem Platz thront, sollte in etwa bedeuten: Nutze die Atomkraft nicht für Kriege, sondern für gute und förderliche Zwecke -wie auch zur Energieerzeugung.

Nicht nur, dass leider in Tschernobyl gezeigt wurde, dass das Atom nicht immer unbedingt nur ein guter Arbeiter ist… dieses Sprichwort zeigt auch, wie die Menschen in der Sowjetunion von der Regierung getäuscht wurden. Und das zu einer Zeit, in der man ständig am Rande eines Atomkrieges stand.

Zwischenstopp : Pripyats Kindergärten

In Pripyat befinden sich 15 Kindergärten, die alle eigene Spitznamen wie z.B. “Goldfisch” oder “goldener Schlüssel” hatten. Dort finden man noch unzählige Hinterlassenschaften der Kinder wie Spielzeug, Bücher, Puppen und Schuhe.

Es sind oft die kleinen Details, die mir die ganze Melancholie dieser Stadt aufzeigen und diese gewisse Stimmung in mir hervorrufen. Wie dieser kleine Elefant in einem der Kindergärten: Ich versuche mir vorzustellen, wie er einmal von einem Kind fest umarmt und geknuddelt wurde. Vielleicht war es der beste Freund des Kindes?! Vielleicht war es auch der einzige?! Ich werde es nie erfahren, aber ich hoffe, dass sich das Kind bis heute an diesen Elefanten und seine persönliche Bedeutung zurückerinnert.

Die zurückgelassenen Puppen von Pripyat sind bei Touristen zu sehr beliebten Motiven geworden.
Leider wurden sie immer wieder bewegt und neu arrangiert, um sie in einer noch seltsameren Szenerie ablichten zu können. Aber sie faszinieren mich auch: Im Laufe der Jahre und des fortschreitenden Verfalls haben sie unterschiedliche Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen eingenommen, die manchmal die Unwirklichkeit ihrer Heimatstadt sehr gut ausdrücken.

Station 9: Die Schulen von Pripyat

Wer viele Kindergärten hat benötigt auch viele Schulen. 
Die 5 Schulen von Pripyat bergen viele spannende Einblicke: die vielen verschiedenen Klassenzimmer, viele kleine und große Dinge, die einen in die Zeit des Sozialismus zurückversetzen und auf eine ganz besondere Art und Weise die Gedanken an eine Zeit vor dem Reaktorunfall anregen.

Überall im Stadtgebiet von Pripyat sind unzählige Gasmasken verteilt. Man könnte meinen, dass der Hauptgrund hierfür in der Nähe zum Kraftwerk Wladimir I. Lenin liegt, aber tatsächlich war es damals im Ostblock nicht ungewöhnlich, große Mengen an Gasmasken auf Lager zu haben, vor allem in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden: denn während des Kalten Krieges war die Angst vor einem Atomangriff der USA allgegenwärtig.

Station 10: Schwimmbad “Azure”

Bevor wir Pripyat verlassen, besuchen wir noch kurz das Schwimmbad der Stadt.

Das Schwimmbad „Azure“: Es ist neben dem Riesenrad wahrscheinlich das berühmteste Bauwerk in Pripyat. Es kam auch schon in Videospielen, wie Call of Duty “Modern
Warfare” oder S.T.A.L.K.E.R. vor. Dieser Pool war auch nach der Katastrophe und der folgenden Evakuierung noch lange in Betrieb:
Liquidatoren und Arbeiter nutzten ihn sogar bis ins Jahr 1998.

Zwischenstopp: Sport in Pripyat

Die Sowjetunion war eine große Sportnation. Auch nach dem Zerfall sind viele der daraus resultierenden Staaten in vielen Sportarten an der Weltspitze. Kein Wunder also, dass es auch in der Sperrzone noch jede Menge Sporthallen, Basketballkörbe und sportbezogene Details gibt. Hier ein kleiner Auszug:

Station 11: Die Kühltürme von Tschernobyl

Wir sind nun bei den Kühltürmen des nie fertiggestellten Reaktor 5 angekommen.
Der Grad der Fertigstellung dieser Erweiterung des Kraftwerks betrug zum Zeitpunkt des Unfalls 70%

Im unvollendeten Kühlturm von Reaktor 5 erschuf der australische Grafitti-Künstler Guido van Helton anlässlich des 30. Jahrestages der Katastrophe ein beeindruckendes und bewegendes Kunstwerk:

Station 12: Duga 3 und Tschernobyl 2

Das sowjetische Überhorizontradar wurde im allgemeinen Sprachgebrauch als “Woodpecker” bezeichnet. Woodpecker deshalb, weil es wie ein Specht kurze Schläge in den weltweiten Radiofrequenzen erzeugte.
Dieses System wurde zur Raketenabwehr eingesetzt und sollte den Start einer Rakete in Europa oder Amerika frühzeitig erkennen.

Hier ist die Feuerwache von Tschernobyl 2 zu sehen: eine geheime und abgesperrte Militärstätte, die sich nur 10 km vom Kraftwerk entfernt befindet.
Selbst die meisten Einwohner von Tschernobyl wussten nichts von der Existenz dieser Einrichtung- geschweige denn, wie sie von innen aussah. Nur das bekannte Radar Duga 3, das sich an diesem Ort fast 150 Meter in den Himmel erhebt, zeigte ihnen, dass dort etwas vor sich ging.
Ein Modell der Stadt, einschließlich des Radars, befindet sich übrigens auf der kleinen Bühne in diesem Raum.

Endpunkt:  Das Ortsende von Tschernobyl

An einem kalten Morgen am Ortssrand von Tschernobyl: Ein Anblick, der in mir immer wieder die Sehnsucht weckt, ein Flugticket zu buchen, und die Sperrzone noch einmal zu besuchen. 

Fazit:

Ich könnte jetzt noch ewig so weiter machen, schließlich waren wir gerade doch fast nur in Pripyat unterwegs. Aber der Artikel wurde doch viel länger, als ich geplant hatte. Deshalb auch meine Sehnsucht nach einem umfangreichen Bildband. Es gibt noch soviel mehr was ich euch zeigen möchte!

Ich hoffe, ich konnte euch auf eine kleine Gedankenreise mitnehmen. 

Wenn ihr noch einige andere Bildern sehen wollt schaut hier rein

Euer Andy

35 JAHRE
UNVERGESSEN!

In Gedenken an all die Opfer und Helden, die es möglich machten, dass wir und unsere Kinder noch eine Zukunft haben.


Geamana – Das Dorf das im Gift versank

Begriffe wie Chernobyl, Exxon Valdez oder Deepwater Horizon sind uns allen bekannt. Wir bringen sie unweigerlich mit von Menschen verursachten Umweltkatastrophen in Verbindung. Viele von uns wissen sogar wo wir an diesem Tag gemacht haben.
Aber was bringen sie mit Geamana in Verbindung? Vermutlich nicht viel.

Zum Wohl des Volkes

Der Grundstein für das Schicksal von Geamana wurde bereits 1978 hinter dem Eisernen Vorhang gelegt. Eine Zeit als Rumänien fest in der stalinistischen Hand von Diktator Nicolae Ceausescu befand.
Dieser erlies einen Beschluss das ein Tal im Apuseni Gebirge zu einem Absetzbecken für die größte Kupfermine Rumäniens werden soll. Das inmitten dieses Tals das kleine schöne Dorf Geamana liegt, spielte dabei keine große Rolle. Man beschloß die rund 1000 Bewohner sollten einfach umgesiedelt werden. Die ansässigen Familien wurden zwar dafür entlohnt ihre Häuser aufzugeben, nur zahlte man ihnen so schlechte Quadratmeterpreise,das sie sich woanders nur viel minderwertigere Grundstücke kaufen konnten, oder sich neu verschulden mussten um etwas brauchbares für sich und ihre Familien zu finden.

Nicolae Ceaușescu

Nicolae Ceauşescu bei einer Ansprache 1986

Die Kupfermine Roșia Poieni
©Cristian Bortes

Geamăna vermutlich in den 1960er Jahren

Geamăna ca 1970

Geamăna 2004

Willkommen in der Unwirklichkeit

Ich wurde das erste mal selbst durch einen Reiseblog darauf aufmerksam und waren Sven und ich ca. ein Jahr später auf einer holprigen Straße in Richtung des “giftigen Tals” unterwegs.

Als wir langsam unserem Ziel näher kamen, veränderte sich die Umgebung merklich. Verlassene Minengebäude und eingewachsene Fahrzeuge säumten links und rechts den Weg. Die Zivilisation nahm ab und ich bemerkte langsam das was mich immer wieder an solch tragische Orte zieht. Ein intensives drückendes Gefühl, welch eine Unbehaglichkeit auslöst. Eine depressive Aura macht sich breit und paradoxerweise fühle ich mich dabei wohl. Denn es löst in mir die für meine Bilder nötige Emotion aus um mich voll in diese Umgebung hineinversetzten zu können.

Wir kamen schließlich in Nähe des Ufers und konnten einen ersten Blick auf den “See” werfen. Ehrlich gesagt waren wir sprachlos. “Was zum Teufel ist das ?!” schoss es mir durch den Kopf und auch Sven wirkte als etwas verstört. Es schien als wäre die Oberfläche aus Stein, durchzogen mit Dutzenden kleinen Wasseradern. Wenn man sich dem Ufer etwas näherte sah man aber das der “Stein” in Wirklichkeit eine schlammiger, leicht lehmiger Brei war.

Geamana
Geamana

Im Hintergrund erkannte man die Umrisse der riesigen Kupfermine die für diese schaurige Landschaft verantwortlich ist.
Die Mine Roșia Poieni produziert jährlich rund 11.000 Tonnen Kupfer. Wenn man über diese Menge genauer nachdenkt, kann man sich vorstellen wie groß die Menge an giftigen Chemikalien dabei ist, die man mittels Flotation von dem Kupfererz getrennt hat. Mittlerweile beträgt die Größe dieses Aufangbeckens 360 Hektar. 

toxic valley

Wann kommt die Flut ?

Wir fuhren zu einer anderen Stelle am Ufer und drehten einige Runden mit der Drohne über das Gebiet um einen Überblick zubekommen.
Die Farben die der See dann offenbart sind geradezu skurril. Von Blutrot, über Rostbraun, bis hin zu Azurblau, Gelb und Grau. Auch die Konsistenz ist unterschiedlich. Mal algig mal so starr das man tatsächlich einige Meter darauf laufen kann. Und die schlammige Giftsuppe steigt immer weiter. Genaugenommen 90(!)cm pro Jahr.
So wird es kommen das die letzten 11 Familien die noch am Rande des Sees leben auch bald Weichen müssen. Von der einstigen Kirche von Geamana, welche einst auf einem kleinen Berg über dem See stand, ragt mittlerweile nur noch die Turmspitze heraus und wird wohl in maximal 2-3 Jahren komplett versunken sein.

Die alte Kirche von Gemana
Geamana Drone
Geamana Drone
Geamana von oben

Und sogar unsere Toten nahmen sie uns!

Nun steuerten wir den alten Friedhof von Vinta an.Wir glaubten erst wir seinen falsch, denn dort sollte es auch eine kleine Kirche geben. Aber als wir die ersten Grabsteine aus dem Wasser ragen sahen, wussten wir das der Standort stimmte. Aber wo war die Kirche? Später erfuhren wir das die alte Kirche dort bereits entfernt wurde.Auch der Friedhof ist mittlerweile  fast vollkommen vom (hier algig grünen) Wasser verschlungen.Nur 2-3paar Grabsteine und Kreuze ragen noch aus dem Wasser . Es scheint so als werden die Toten langsam ein zweites mal begraben.

Der alte Friehof von Geamana
der alte Friedhof Geamana
Der alte Friehof von Geamana

Kein Leben

Ein unwirklicher Ort. Als wäre alles Leben dort einfach verschwunden. Keine Tiere oder geschweige denn Fische. Nicht mal Mücken nahm ich wahr das obwohl wir und ja die ganze Zeit so nah am Wasser aufhielten. Die Bäume im Wasser waren eher das Gegenteil von was man blühendes Leben nennt.

Auch wenn der aktuelle Minenbetreiber behaupten das Wasser sei den vorgegebenen Richtwerten entsprechend sauber, kann ich das nur schwer glauben. Wie soll das auch, bei dem allen was man hier wahrnimmt. Das dass Grundwasser der hier noch lebenden Menschen dadurch nicht beeinträchtigt wird, ist auch kaum vorstellbar.

Geamana
Geamana

Das Wasser wird kommen

Am Nachmittag erreichten wir den südlichen Ortsrand von Geamăna. Dort stießen wir auf eine alte Dame die fleißig gerade ihre Tiere fütterte. Sie wirkte auf der einen Seite sehr zerbrechlich aber war sehr flott unterwegs.Ich bewunderte ihre Standhaftigkeit. Das Leben hier ist sicherlich hart und nicht fair, aber sie schien das beste daraus zu machen. Wie ich später in einer ARTE Dokumentation erfuhr (diese hab ich euch unten verkinkt), ist es eines der letzten Häuser des einstigen Ortes in dem sie schon ihr ganzes Leben lebt. Aber auch sie scheint bald gezwungen zu sein, den Ort in dem sie aufgewachsen ist, wo sie ihren Mann 2012 zu Grabe trug und den sie ihre Heimat nennt, für immer verlassen zu müssen.

Geamana
Geamana
die alte Kirche von Geamana
Geamana

Als ich wieder Zuhause die Bilder sichtete, lies ich meine Eindrücke und Emotionen noch einmal Revue passieren und auch warum es mich immer wieder an solch tragische Orte zieht.
 

Vor allem wurde mir bewusst das es neben den großen Tragödien auf unserem Planeten, es auch viele kleine und kaum bekannte Katastrophen gab und wie wichtig es ist gerade diese zu dokumentieren solange dies noch möglich ist.

Die Übeltäter für dieses ökologische Schicksal können nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden und die aktuellen Minenbetreiber sind zwar nun verantwortlich aber letzten Endes müssen auch sie irgendwie mit diesen Gegebenheiten leben, die einst geschaffen wurden.

Eine Frage wird bleiben: Was bringt die Zukunft für die Natur dort?
Für die verbleibenden Menschen kann es nur die Konsequenz haben, sich besser früh als spät ein neues Zuhause zu suchen. Ihre Heimat wird für immer in den schlammigen Massen verschwinden, aber sicherlich nicht aus ihren Herzen.


Il Manicomio – Eine geschlossene Gesellschaft

Es ist seltsam das zu schreiben, aber Geisteskrankheiten begleiten mich schon mein ganzes Leben.

Ich wuchs in Haar, einem Münchner Vorort auf. Ein beschaulicher und schöner Ort der eine der größten psychiatrischen Anstalten in Deutschland beherbergt. Ein wunderschönes Areal mit alten Jugendstil Gebäuden, wunderschönen Grünflächen und einer friedlichen Atmosphäre Aber auch mit einer grausamen Vergangenheit, denn im 2. Weltkrieg wurde hier Euthanasie betrieben.
Als ich davon hörte beschäftigte ich mich das erste mal genauer mit der Geschichte der Psychiatrie und war seit dem fasziniert von diesem Thema.
2013 besuchte ich das erste Mal im Zuge einer meiner Fototouren eine der ehemaligen Anstalten in Italien. Im Nachhinein erfuhr ich  mehr über die teils unmenschlichen Zustände und war mir klar das ich diese Orte fotografisch dokumentieren will.

Dabei geht es mir nicht um den Gruselfaktor der sondern das es sich dabei auch um ein fast unbekanntes Stück der Menschheitsgeschichte handelt mit dem Schicksale von Hunderttausenden verknüpft sind. Zudem faszinieren mich Orte die eine negative Aura. Denn man kann nicht nur positives als Inspiration nutzen sondern auch Gefühle wie Beklommenheit, Tragik und Trauer. 

In der Historie der Psychiatriegeschichte gibt es viele Flecken auf der weißen Zwangsjacke. Besonders Italien und ihre Manicomio war hier im letzten Jahrhundert leider ein Paradebeispiel. Der Gesetzeserlass von 1904 erlaubte es unter anderem den Polizeikräften eine Dringlichkeitsanforderung für eine Einweisung zu erwirken. So kam es das nicht nur psychisch kranke Menschen sondern auch “unangenehme” Personen wie Obdachlose, Kleinkriminelle etc. ohne Diagnose eingewiesen und entmündigt wurden. Zu dem hatte die Kirche ebenfalls die Möglichkeit zu bestimmen wer psychisch krank war. Die Mediziner und die jeweiligen anderen Parteien steckten hierbei unter einer Decke, so das die Ärzte oftmals eine Erkrankung bestätigten obwohl keine bestand.
Später zu Zeiten als der Faschismus in Italien herrschte wurden auch politische Gegner, behinderte Menschen und sonstige Personengruppen die dem Regime nicht in ihr Gesellschaftsmodell passten unter dem Vorwand der “sozialen Gefährlichkeit” in die Anstalten gesperrt. So kam es das von 1926 bis 1941 die Anzahl von 62.000 auf fast 100000 Insassen anwuchs.

Die Lebensbedingungen in den Manicomis waren meist Menschenunwürdig und die Behandlungsmethoden fragwürdig und grausam. Insulinschocktherapie, Rückhaltesysteme wie Zwangsjacken und Fixierungsschellen oder Lobotomie waren gängige Methoden. Besonders die später eingeführte Elektroschocktherapie hatte verheerende Auswirkungen. Die Elektroschocktherapie findet sich auch heute noch als Behandlungsmethode in extremen Fällen der Schizophrenie, da sie in schweren Fällen Wirkung zeigen kann. Aber sie wird heutzutage unter Aufsicht und anderen Voraussetzungen durchgeführt. Am schlimmsten traf die Insassen aber die fehlende Fürsorge und der Raub der menschlichen Identität. Oftmals wurden die Menschen entmündigt und bis zu ihrem Tod einfach weggesperrt der oftmals auch verfrüht eintrat.  

Ein potentiell gefährlicher Patient, festgehalten in einer Art von Käfig
Psychiatrisches KRankenhaus Trieste,Italien, 1979. © Raymond Depardonaus seinem großartigen Buch  Manicomio

Eine verstörende Szene  © Raymond Depardon aus seinem großartigen Buch  Manicomio

Szene aus dem Manicimio Villa Chiara in Caligari. Jahr unbekannt © Josto Manca

© Gianni Berengo Gardin aus seinem großartigen Buch  Manicomi

Welche Auswirkungen die fragwürdige Diagnostik und falsch gedeutete Symptomatik haben kann zeigt der Fall von Vicenzo.
Hier ein Auszug aus seiner Krankenakte von Vicenzo M. der mit 17 Jahren eingewiesen wurde und die folgenden 27 Jahre in der selben Station “gehalten” wurde:

  • 10.5.47 Elektroschock
  • 10.7.47 fiebrig belegte Zunge
  • 10.11.47 nichts Neues
  • 12.4.48 immer apathisch, stumpfsinnig, jeder Initiative beraubt. Drückt keine Wünsche
  • aus; lächelt nichtssagend, isst freiwillig, scheint nicht zu halluzinieren.
  • 10.11.61 (nach 13 Jahren) schwere geistige Verwirrung, apathisch, untätig, indifferent.
  • 1964 ruhig, nicht aggressiv, untätig
  • 1967 unverändert
  • 1970 nicht ansprechbar, beschmutzt sich, apathisch indifferent

(Quelle)

Der Junge wurde erst in der Anstalt zu dem was sie einen “Irren” nannten. Zuvor war er ein normaler Junge der Fußball liebte und gut gebildet war. Diagnose: chronische Schizophrenie. Mehr ging aus den spärlichen Krankenakten nicht hervor.

Zu einem Ende der dieser dunklen Zeit kam erst 74 Jahre später. als am 13.Mai 1978 das Legge 180 (Gesetz 180), erlassen wurde. Die  Manicomis in ihrer alten Form wurden geschlossen. Zu verdanken war das vor allem dem Arzt Franco Basaglia der die Anstalten und Behandlungsweisen grundlegend infrage stellte und somit auch den Weg zu einer grundlegenden Änderung in psychiatrischen Medizin ebnete. Deswegen wird das Gesetz 180 auch das Basaglia Gesetz genannt.

Trotz der grausigen Historie der italienischen Manicomis, bekleckerten sich auch viele andere Länder bei diesem Thema nicht mit Ehre. Weltweit gab es ähnliche Einrichtungen und Behandlungsmethoden. Auch viele der Ärzte, Pfleger und Schwestern gaben ihr bestmögliches. Sie wussten es oftmals auch nicht besser. Die Psychiatrische Medizin steckte noch in ihren Kinderschuhen und war, von dem was heute an Wissen und Möglichkeiten vorhanden ist, noch Lichtjahre entfernt.

Das Irrenhaus ist ein gigantischer Resonanzkörper,

und das Delirium: Echo,

die Namenlosigkeit: Maß

Das Irrenhaus ist der verwunschene
Berg Zion, auf dem du die Tafeln eines Gesetzes erhältst,
das die Menschen nicht kennen.

( Alda Merini , Dichterin, über 20 Jahre Insasse in einem Manicomio)
(Aus dem Italienischen von Christoph Ferber ,NZZ Sa 6. März 2010)

Heute stehen viele der Anstalten seit Jahrzehnten leer. Sie sind Mahnmäler der Unwissenheit und Intoleranz und sie sind Denkmäler für tausende schrecklicher Schicksale unschuldiger, kranker Menschen.

Dementsprechend empfand ich auch eine intensive melancholische und beklemmende Stimmung als ich diese Orte besuchte. Hohe, klosterähnliche Gänge, Hochsicherheitstrakte mit Zellentrakten und Schlafsäle die oftmals für 100 Personen oder mehr angelegt waren. Manche Hinterlassenschaften erzeugten auch ein bisschen Gänsehaut. Badewannen die Stromzugang hatten, Alte OP-Liegen, Kinderstühle mit Fußfesseln und alte Leichentische. Auch die Aussenanlagen und Innenhöfe der Manicomios hatten einen gespenstischen Touch. Große Arkadengänge die meist rechteckig angelegt waren und mit Schlingpflanzen und anderer Vegetation überwuchert sind. 

Ich selbst kenne die Seite einer psychischen Erkrankung leider auch aus der 1.Hand und kämpfe seit Jahren mit Depressionen. Und auch ich hab die Erfahrung gemacht, was es heißt als Erkrankter nicht richtig ernst genommen zu werden. Auch wenn die Gesellschaft große Schritte was die Toleranz und das Verständnis bei psychischen Erkrankungen gemacht hat, gibt es immer noch großen moralischen Aufholbedarf. Besonders psychische Erkrankungen die der Allgemeinheit nicht so bekannt sind, stoßen immer noch auf Unverständnis.

Genau aus diesen Gründen ist mir dieses Projekt auch so wichtig und hoffe damit auch ein wenig Aufmerksamkeit dahin zu lenken, sich mehr mit diesen Teil unserer Gesellschaft auseinander zusetzen denn es ist sicher das psychische Krankheiten weiter zunehmen werden und es einem Betroffenen unglaublich hilft seinen Heilungsprozess ohne Stigmatisierung zu bestreiten. Wir brauchen mehr offene Arme anstatt noch mehr Isolation für diese Menschen. Und ein Bewusstsein das es uns morgen auch treffen könnte.

Ich versuche nach und nach eigene Fotostrecken über die einzelnen Anstalten zu veröffentlichen, denn die spannenden Motive würden jetzt den Rahmen sprengen.
Einen erste Strecke findet ihr bereits hier


Die vergessenen Sanatorien von Tskaltubo

Der Putz bröckelt langsam von den Wänden und ich bewege mich vorsichtig durch die Gänge. Manchmal blicke ich auf das innere des Stahlbetons, denn die Ummantelung liegt schon länger zerfallen auf dem Boden. Es ist still.

Es wirkt ein wenig wie eine Parallelwelt wenn man einen dieser Orte betrifft und ich selbst wusste nicht wie ich hier denken und fühlen kann/sollte/wollte. Einerseits war ich von der teils sehr schönen Architektur begeistert und vergaß zeitweise wo ich mich hier befinde, andererseits sah ich dann wieder plötzlich verbarrikadierte Türen, sah alte Menschen auf den Gängen oder sah Kinder spielen, was mir wieder klar machte da es doch auch ein Zuhause von Menschen ist, welche ihr eigentliches Zuhause einst verloren.

Es kamen 6000 Menschen nach dem Abchasien – Georgien Krieg 1992/1993 als IDP´s (Internal Displaced People) nach Tskaltubo. Internal deswegen weil Abchasien vor dem Krieg ein Teil von Georgien war und eigentlich immer noch ist. Nur 7 Staaten haben Abchasien offiziell als selbständigen Staat anerkannt. Russland, Venezuela, Nicaragua, Nauru, Vanuatu,Syrien und Tuvalu. Vanuatu und Tuvalu haben dies mittlerweile revidiert .(danke Roman) Für den Rest der Welt ist Abchasien immer noch ein Teil Georgiens.
Die Menschen die heute hier leben sind Georgier und wurden von den Abchasen ethnisch verfolgt, weshalb sie flüchteten da sie im schlimmsten Fall den Tod und Folter fürchten hätten müssen. Auf Wikipedia könnt ihr über das Massaker von Suchum nachlesen, bei dem 7.000 georgische Zivilisten ermordet wurden.

So auch Wassili, den ich vor einem Sanatorium antraf. Er sprach kein Englisch, aber ich habe verstanden das er aus Sukhum kommt und wegen dem Krieg flüchten musste. Trotz all der Grausamkeit des Krieges und den Verlust der eigenen Heimat sowie den Umständen wie viele hier leben müssen, waren alle sehr gastfreundlich und zuvorkommend. 
Ich will Wassili meine Schachtel Zigaretten schenken was ihn sehr freute, er dennoch dankend ablehnte . Stattdessen will unbedingt ein Foto machen und mich auf einen (oder zwölf) Schnpas in seine Wohnung einladen. Ich musste ablehnen da ich nicht trinke, aber ein Foto machten wir selbstverständlich.

Wir verabschiedeten uns, aber vorher zeigt er mir noch ein paar schöne Ecken. Dann gab er mir einen Bruderkuss auf die linke und rechte Wange und ging.
Ich war von diesem Erlebnis wirklich sehr berührt. Er lies mich mit einem komischen Gefühl im Bauch zurück welches mich daran erinnerte das hinter jedem Menschen hier auch ein Schicksal steckt. Doch als Fotograf haben wir einfach eine voyeuristische Ader in uns und es geht in unseren arbeiten nicht nur um das schöne dieser Erde. Auch die tragischen, schrecklichen Geschichten dieser Erde müssen erzählt und gezeigt werden.
Ich versuchte ab diesem Zeitpunkt zu differenzieren zwischen dieser Schicksale und den schönen Gebäuden wegen welchen ich eigentlich hier war. Dennoch versuchte ich die Privatsphäre dieser Menschen so gut es ging zu wahren.

Zurück zu Tskaltubo und den Gebäuden…

Tskaltubo Momentaufnahmen an einem regnerischen Tag

Tskaltubo war zu Sowjetzeit ein beliebter Kurort der für seine Radonquellen bekannt war. Stalin hatte hier nicht nur seine eigene Dacha, sondern auch sein ganz persönliches Bad, das SPA No. 6. Während seine Mutter hier öfters zu Gast war, ließ sich Josef Stalin nur einmal hier blicken. Dafür erfuhr ich vom Spa Chef das Jelzin hier im besoffenen Zustand seine Frau in Stalins Becken geworfen hat. Nette Anekdote aber irgendwie nicht wirklich verwunderlich denn “party hard” ist ein russisches Kulturgut 🙂

Stalins Bad

Das SPA No. 6 ist mittlerweile einer der wenigen welches wieder vollständig (bis auf das Stalin Bad) seinen Betrieb aufgenommen hat.
Der Großteil, ca. 12 – 14 Hotels,Sanatorien und SPA´s, sind weiterhin dem Verfall ausgesetzt.
Über die Jahre wurde das meiste an Inventar verkauft, umgenutzt oder ist sonstwo verschwunden. Doch findet sich neben der schönen Architektur auch hier und da noch das alte Inventar welches mich immer wieder in Gedankenreisen verschlägt. So wie diese Bibliothek in einem alten Sanatorium:

Was den architektonischen Charme der alten Gebäude betrifft, lasse ich einfach die Bilder sprechen. Es müssen einst unglaublich wunderschöne Orte gewesen sein.

Ob der Ort eines Tages wieder im alten Glanz erscheinen wird, ich bezweifele es, aber muss er in meinen Augen auch nicht. Tskaltubo hat aus seinem Schicksal auch die Chance ergriffen sich eine eigene Lebenskultur zu kreieren, die sich als sehr gastfreundlich, intensiv und kreativ erwies. Ich denke bei meinem nächsten Georgienbesuch, werde ich doch auch wieder einen kurzen Stopp in Tskaltubo machen.


Die unheimliche Reise durch eine verlassene Neuropsychiatrie in Italien

Von dem Moment an, an dem er die Mauer der Internierung passiert, betritt der Patient eine neue Dimension der emotionalen Leere ([…]); 
Das heißt, er befindet sich in einem Raum, der ursprünglich erbaut wurde, um ihn unschädlich zu machen und gleichzeitig zu heilen, er erscheint in der Praxis als paradoxerweise konstruierter Ort für die vollständige Vernichtung seiner Individualität, als Ort seiner totalen Objektivierung.

1979 – Franco Basaglia über die Missstände der psychiatrischen Einrichtungen

Es ist noch nebelig als wir an einem Sonntagmorgen über ein verdorrendes Feld gehen. Unser Ziel ist ein Manicomio (ital. Irrenanstalt) in der Provinz von Cuneo. Am Ende des Feldes zeichnet sich ein alter Weg ab. Die Vegetation wird etwas dichter. Wir folgen den Weg und erreichen ein altes, großes schmiedeeisernes Tor. Dahinter befindet sich eine Allee riesiger alter Bäume  an der sich links und rechts die Umrisse alter Gebäude erkennen lassen.

Nachdem wir das Tor überwunden haben folgenden wir der alten Allee immer weiter, während vertrocknete Laub unter unseren Füßen rhythmisch zu unseren Schritten zerberstet. Endlich taucht aus dem Morgennebel das Ziel der Begierde vor uns auf; der alte Hauptpavillon.
Der Komplex wurde 1871 als Anstalt der katholischen Kirche erbaut und as bald als Militärschule genutzt. Ab ca. 1920 wurde die Anlage als Irrenanstalt genutzt, bis sie 1981 geschlossen wurde. Seit dem ist das Gebäude seinem Schicksal überlassen.
Wir gehen durch die verwilderten Gärten die diesen mächtigen Bau umgeben, der eher wie ein altes Kloster als eine Psychiatrie wirkt.

Verloren im Keller

Wir entdecken ein offenes Kellerfenster und klettern hinein. Durch das fahle Licht, welches durch die blinden Kellerfenster fällt, erkennen wir schnell das dieser Keller eher einem altem Gewölbe gleicht. Die Decken sind nicht mal 1,70m und man muss sich gebückt vorwärts bewegen. Leider mussten wir bald feststellen das der Keller eine Sackgasse ist. In einer Nische entdecken wir alte Rohre die in eine Öffnung führten. Sehr schmal und sehr dreckig, aber groß genug um sich durchzuzwängen.
Die Rohre waren schmutzig und vor allem von poröser Glaswolle umwickelt, welche uns ein paar kleine Erinnerungen für die Aktion hinterließ. Nachdem wir ca 5 Meter durch die Öffnung robbten kamen wir in ein identisches Gewölbe, aber um die Ecke war die lang ersehnte Treppe nach oben.

Voller Aufregung und Vorfreude hasteten wir die Treppe nach oben und wir wurden nicht enttäuscht. Oben angekommen stand ich in einem mächtigem Kreuzgang, der den verwunschenen Innenhof umgibt.

Ich vergese vollkommen, an welch dunklem Ort ich mich befinde, und genieße die Schönheit der alten Gemäuer. Über die baufällige Treppe betrete ich den ersten Stock. Faszinierend bewege mich durch meterhohe,  gothische Gänge bis ich plötzlich einen gefliesten Raum mit einem altem Sterilisator entdecke der mein Interesse erweckt. Ich erblicke noch eine Tür. Zielstrebend öffne ich sie und stehe mit offenem Mund vor einer alten Operationsliege inklusive alter OP-Lampe und einigen anderen Gerätschaften. Es ist ein schaudrig-schöner Anblick und mein Kopfkino spielt augenblicklich verrückt.

Ich schlendere weiter, durch riesige Schlafsäle die einen Teil der bis zu 1400 Insassen beherbergte, vorbei an  alten Ärztezimmern und durch scheinbar unzählige schönen Gänge bis ich die imposante Eingangshalle erreiche.

Ich verbringe noch mehrere Stunden an diesem eindrucksvollen Ort, der mich nachhaltig wie kaum ein anderer berührt hat. Noch weitere vier Besuche sollten folgen. Leider ist das Gebäude mittlerweile in einem gefährdeten Zustand. Das gesamte Fundament sinkt ab, die Gänge sind teilweise schief und Räume brechen ohne Vorzeichen ein. Aktuell versuchen die Eigentümer die Abrissgenehmigung zu erwirkenund wie es um das Gebäude steht, wird es sich nur noch um Formalitäten handeln. Ein weiteres Stück Geschichte, wenn auch eine teils traurige, wird somit für immer verschwinden.


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